

Das Leben von
Sigmund Strecker
Sigmund Strecker (1914 – 1969) war ein deutscher Maler, der seine Schulbildung am humanistischen Gymnasium der Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale erhielt und anschließend in Berlin und Düsseldorf Kunst studierte. Er heiratete seine Kommilitonin Ilse Winkel bei deren Vater, Professor Richard Winkel, er noch einmal gründlich in die Lehre ging und vor allem sein zeichnerisches Können verfeinerte.
Nach dem Krieg fanden Sigmund und Ilse mit ihren Kindern Christoph, Bernhard und Ivo eine neue Bleibe erst im Raum Melle (Niedersachsen) und dann in Halle (Westfalen), wo ein wieder neu errichteter Schafstall gleichzeitig als Atelier und Wohnhaus diente.



Das Gebäude hat zwei grosse Tore: Durch das eine wurden die Schafe auf immer gleiche Weise herein und durch das andere hinausgetrieben.
Um als Fenster zu dienen und möglichst viel Licht zu spenden, wurden extra große Thermophenscheiben mit rundem Bogen für die beiden Tore angefertigt.

Sigmund gehörte zu den Strecker Generationen, die als Pastoren, Lehrer und Inhaber öffentlicher Ämter die „protestantischen Ethik“ verinnerlichten, die von dem Soziologen Max Weber ausführlich beschrieben worden ist. Dies erklärt - wenigstens teilweise – Sigmunds großes Pflichtgefühl und Bemühen - trotz wiederholter Ablehnung der Bilder durch den deutschen Künstlerbund - seiner ‚veralteten‘ Kunst treu zu bleiben.
Seine Malerei hat Sigmund nur selten kommentiert. Doch hier sind drei Beispiele:
- Ein lichtbezogenes Bild wandelt sich lebendig mit dem Lauf des Tages, der Jahreszeit.
- Die alltäglichen sichtbaren Dinge bleiben für die Malerei unerschöpflich.
- Wenn alles richtig ist, gerät die Bildfläche in einen gespannten Schwebe- und Vibrationszustand.
Siegmund Strecker änderte seine Maltechnik im Laufe seines Lebens:
Zuerst benutzte er sowohl den Pinsel als auch öfters einen feinen Spachtel. Als jedoch anfangs der fünfziger Jahre synthetische Farben zu erschwinglichen Preisen auf den Markt kamen, begann er, mit großen Spachteln die Farbe dick aufzutragen. Betrachter begeisterten sich für diese Maltechnik. In seinen letzten Jahren konzentrierte sich Sigmund ausschließlich auf hauchdünnen Farbauftrag mit feinem Pinsel.
Die Frage, welchem Genre diese Bilder zuzuordnen seien, blieb lange offen. Erst ab 2020 begann man von einem „poetischen Realismus“ zu sprechen. Dieser Begriff, den es bereits in früheren Diskursen über Kunst gegeben hat, ist treffend und überwindet das kognitive Vakuum, das vorher geherrscht hat.
Zu den zeitgleichen Malern, denen sich Sigmund Strecker verbunden fühlte, gehörten vor allem Nikolas de Stael und Giorgio Morandi. Er entdeckte sie erst gegen Ende seines Lebens. Rückblickend sind die Parallelen zu de Stael erstaunlich: Beide wurden 1914 geboren; beide wurden früh Waisen, beide strebten einen poetischen Realismus an, beide litten unter Nervenschäden, die von giftigen Farben verursacht wurden, und beide nahmen sich in frühen Jahren das Leben. Mit Morandi teilt Strecker unter anderem eine Stetigkeit der Sujets (vor allem Stillleben); ein subtiles Spiel mit Lokalfarben, und handwerkliche Meisterschaft.


Ab Mitte der Sechziger Jahre machten sich Nervenschäden bemerkbar die zunehmend mit Schmerzen verbunden waren.
Erleichterung und inneren Frieden, fand Sigmund, wenn er aus Ton Figuren modellierte:
Weibliche Gestalten scheinbar mythischen Ursprungs deren Häupter nach oben offen waren - dem Kosmos empfänglich.

Als alle Versuche einer Therapie nicht halfen, und als er nichtmehr aufrecht vor seiner Staffelei sitzen und malen konnte, wählte Sigmund Strecker den Freitod. Sein letztes Bild waren Blumen, die im Garten vor dem Fenster wuchsen: Helenium. Es befindet sich noch heute genau dort wo es gemalt wurde.
In den siebziger und achtziger Jahren orchestrierte Ilse Strecker mehrere Ausstellungen und auch Publikationen. Dazu gehört vor allem das Buch von Anne Radeke - Siegmund Strecker Maler.
Sie hatte 1990 in einer Ausstellung im Pöppelmann-Haus in Herford einige Bilder von Sigmund Strecker gesehen. Wie sie schreibt, war sie tief beeindruckt von der Schönheit und Stille, der einfachen, doch geheimnisvollen Aussagekraft der Bilder und wollte nun mehr über Sigmund Strecker erfahren. Sie studierte Grafikdesign an der Fachhochschule in Bielefeld und entschied sich nun, eine Magisterarbeit über Siegmund Strecker zu schreiben.


Das Buch:
Anne-Christin Radeke: Sigmund Strecker, Maler,
Edition Bielefelder Kunstverein,
Pendragon, 1994, ISBN 978-3-929096-05-7
Ilse Strecker fand dies eine wunderbare Idee und unterstützte sie bei der Ausführung der Arbeit. Das Buch, das hieraus resultierte, enthält eine Reihe von Aufsätzen.

Nachdem die Mutter verstorben war, übernahm Bernhard Strecker die Aufgabe, das Werk seines Vaters weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vor allem organisierte er eine Retrospektive im Schloss Königsbrück.
Anschließend verwandelte er ein Gebäude am Rande von Neuenkirchen, das er „Das Haus der Bilder“ nannte, in ein Museum für das Werk von Siegmund Strecker. Das konnte jedoch nur etwas mehr als zehn Jahre finanziert werden.
Abschließend produzierten der Musiker Willem Schulz zusammen mit dem Filmemacher Ivo Tödtmann einen Film zum Abschied vom Museum, mit dem Titel „Alles hat seine Zeit“.
Die Rückkehr aller Bilder ins Ateliermuseum in Halle haben Ivo Strecker und Ivo Tödtmann im Film „Malen im natürlichen Licht“ ausführlich dokumentiert.